Arancini oder Arancine? Der Streit, der Sizilien spaltet
Ein Wort, zwei Lager, eine Insel
Wer jemals in Sizilien war, kennt das Gefühl: Du stehst vor einem Imbiss, siehst goldbraune, knusprig frittierte Reisbällchen und weißt nicht, was du bestellen sollst. Nicht weil du die Speisekarte nicht kennst, sondern weil du schon weißt, was passiert, wenn du das falsche Wort benutzt. Sagst du in Palermo „arancino", erntest du einen missbilligenden Blick. Fragst du in Catania nach einer „arancina", passiert dasselbe. Der Streit um Arancini oder Arancine ist eine der skurrilsten, lebendigsten und tiefgründigsten kulinarischen Debatten Italiens, und er verrät mehr über sizilianische Identität als jede Reisebeschreibung.
Was ist ein Arancino überhaupt?
Bevor es in den Sprachstreit geht, lohnt ein Blick auf das Gericht selbst. Ein Arancino ist ein frittiertes Reisbällchen, meist gefüllt mit Ragù aus Hackfleisch und Erbsen, mit Mozzarella oder mit Schinken und Käse. Die Außenhülle aus Paniermehl wird in heißem Öl goldbraun ausgebacken, bis die Oberfläche knusprig ist und das Innere cremig bleibt. Der Name bedeutet wörtlich „kleines Orangenbäumchen" oder „kleine Orange", was auf die rundliche Form und die typisch goldgelbe Farbe anspielt. Sizilianisches Streetfood, wie es in seiner authentischsten Form nur auf der Insel selbst existiert, und ein Gericht, das tief in der arabisch-normannischen Küchentradition verwurzelt ist. Die arabischen Herrscher, die Sizilien zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert prägten, brachten Safran, Gewürze und die Technik mit, Reis zu formen und zu füllen. Was heute in jeder Bar der Insel als Snack verkauft wird, ist also ein direktes Erbe dieser Epoche.
Palermo gegen Catania: ein linguistischer Bürgerkrieg
Der eigentliche Streit beginnt beim Geschlecht des Wortes. In Palermo und im Westen Siziliens heißt es „l'arancina", also feminin. In Catania und im Osten der Insel heißt es „l'arancino", also maskulin. Beide Seiten verteidigen ihre Schreibweise mit einer Leidenschaft, die Außenstehende zunächst verblüfft. Für Sizilianer ist die Frage aber alles andere als trivial. Sie ist eine Frage der Herkunft, der regionalen Identität und des kulturellen Stolzes. Die Palermitaner begründen das Femininum damit, dass sich „arancina" auf „arancia" bezieht, das Wort für Orange, das im Italienischen feminin ist. Das sei die logische und sprachlich korrekte Ableitung. Die Catanesi kontert, dass ihr „arancino" die ursprüngliche Form sei, und verweist auf ältere Belege in der lokalen Literatur und Kochüberlieferung.
Der Unterschied hört nicht beim Namen auf
Wer glaubt, der Streit beschränke sich auf das Geschlecht des Artikels, irrt. In Catania ist der Arancino traditionell oval oder leicht kegelförmig, in Anlehnung an den Ätna, den Vulkan, der die Stadt überragt. Die Spitze des Kegels soll symbolisch an den schneebedeckten Gipfel erinnern. In Palermo hingegen ist die Arancina rund, der Orange also noch ähnlicher. Auch bei der Füllung gibt es regionale Eigenheiten. In Palermo dominiert die klassische Variante mit Fleischragù oder mit Schinken und Mozzarella, bekannt als „al burro". In Catania finden sich häufiger lokale Interpretationen mit Pistazien aus Bronte, dem kleinen Dorf an den Hängen des Ätnas, das für die weltweit besten Pistazien bekannt ist. Überhaupt ist Sizilien ein Ort, an dem geografische Details wie Vulkane und Meerwinde nicht nur Landschaft sind, sondern direkt in Geschmack und Küche übersetzt werden.
Wie ernst ist der Streit wirklich?
Ein vollständiges Bild ergibt sich erst, wenn man begreift, dass hinter dem Sprachstreit ein grundlegendes Muster sizilianischer Kultur steckt. Sizilien ist keine homogene Region, sondern eine Insel voller lokaler Eigenheiten, historischer Brüche und starker Stadtidentitäten. Palermo war jahrhundertelang die Hauptstadt unter normannischen, arabischen und spanischen Herrschern. Catania war dagegen immer eine aufstrebende Handelsstadt mit eigener Dynamik und eigenem Selbstbewusstsein. Diese historische Rivalität spiegelt sich bis heute in Dialekt, Küche und Alltagskultur wider. Wenn ein Catanese auf „arancina" besteht, betont er damit auch seinen Standort auf der Insel, seine Geschichte und seinen Blick auf die Welt. Dasselbe gilt umgekehrt. Kein Wort ist in Sizilien nur ein Wort.
Was sagt die Akademie?
Auch der Accademia della Crusca, die höchste Instanz der italienischen Sprache, hat sich dem Thema gewidmet. Das Ergebnis war wenig hilfreich für alle Streitparteien: Beide Formen seien korrekt und regional verankert, eine eindeutige Empfehlung wurde vermieden. Auch die Treccani, Italiens renommiertestes Wörterbuch, listet beide Varianten. Der Staat also hält sich raus, Sizilien streitet weiter, und Touristen geraten von Anfang an ins Fettnäpfchen.
Arancini und die sizilianische Küche heute
Was den Arancino oder die Arancina so faszinierend macht, ist die Tatsache, dass dieses Gericht trotz aller Debatten eine der geeintesten kulinarischen Symbole Siziliens geblieben ist. Es gibt keine Bar, keine Rosticceria und keine Fähre von Messina nach Reggio, auf der dieses Gericht fehlt. Es ist Frühstück, Mittagssnack und Abendessen zugleich. Es verbindet arabische Küchengeschichte, normannische Überlieferung und moderne sizilianische Alltagskultur in einem einzigen Bissen. Wer Sizilien verstehen will, fängt mit dem Arancino an. Und am besten auch mit den Produkten, die aus dieser Insel kommen, einer Insel, deren Böden, Vulkane und Meeresluft den Lebensmitteln eine Tiefe geben, die anderswo nicht reproduzierbar ist.
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Fazit: Arancino oder Arancine, die Antwort liegt in Sizilien
Ob Arancino oder Arancine, ob rund oder kegelförmig, ob mit Ragù oder Pistazien, die eigentliche Antwort auf die Frage ist: Es kommt darauf an, wo du auf der Insel stehst. Und genau das macht sizilianische Küche so besonders. Sie ist keine starre Tradition, sondern eine lebendige, oft hitzige Auseinandersetzung mit Geschichte, Region und Identität. Wer das nächste Mal in Sizilien ist, bestellt am besten nach der lokalen Variante, also im Osten maskulin, im Westen feminin, und genießt in jedem Fall das gleiche goldbraune, aromatische Ergebnis.