Die Pizza vor der Margherita: Eine kleine Zeitreise im Ofen
Wenn man heute in einer italienischen Pizzeria sitzt, der Duft von frisch gebackenem Teig und geschmolzenem Mozzarella in der Luft liegt und man das erste Stück einer Pizza Margherita probiert, fühlt man sich sofort mitten in Italien: leidenschaftlich, traditionell, voller Geschmack. Doch die Geschichte dieser ikonischen Pizza beginnt lange bevor Raffaele Esposito 1889 in Neapel das berühmte Dreiergespann aus Tomate, Mozzarella und Basilikum zusammenbrachte.
Vom antiken Brot zur neapolitanischen Erfindung
Italiens Liebe zum Brot hat uralte Wurzeln. Schon in der Antike backten die Römer flache Teigfladen, sogenannte “focaccia”, die mit Olivenöl, Kräutern und Käse verfeinert wurden. Diese Fladen galten als schlichte, aber herzhafte Mahlzeit für Arbeiter, Soldaten und Reisende. Besonders in Süditalien, wo Getreide und Olivenöl in Hülle und Fülle vorhanden waren, war das Backen solcher Fladen eine tägliche Tradition.
Doch was fehlte, war der „rote Zauber“: die Tomate. Erst nach dem 16. Jahrhundert, als die Tomate aus Amerika nach Europa kam, fand sie über Umwege ihren Weg in die italienische Küche. Und: Wie so oft in der italienischen Geschichte, dauerte es eine Weile, bis sich das Neue durchsetzte. Erst im 18. Jahrhundert begannen Köche und Hausfrauen in Süditalien, die Tomate als essbar und köstlich zu erkennen.
Neapel: das pulsierende Herz der Pizza
Neapel im 18. und 19. Jahrhundert war eine Stadt voller Gegensätze: Armut und Schönheit, Chaos und Kultur, Gassen voller Leben und Straßen voller Duft. Aus diesen Bedingungen heraus entstand die moderne Pizza. In den engen Vierteln, besonders um die Quartieri Spagnoli, entstanden kleine Bäckereien, die einfache Teigfladen mit Tomaten, Öl, Knoblauch oder Sardellen belegten, schnell, günstig und sättigend.
Diese frühe Pizza war ein typisches Straßenessen: Man aß sie mit den Händen, heiß und frisch aus dem Holzofen. Sie war das Essen des Volkes: einfach, ehrlich, neapolitanisch. Und genau daraus sollte sich später das Symbol einer ganzen Nation entwickeln.
1889: Die Geburtsstunde der Pizza Margherita
Im Jahr 1889 besuchte das italienische Königspaar: Umberto I. und Königin Margherita von Savoyen Neapel. Der Legende nach wollte die Königin einmal keine prunkvollen Speisen, sondern das Essen „des Volkes“ probieren. Der bekannte Pizzaiolo Raffaele Esposito aus der „Pizzeria di Pietro e Basta Cosi“ (heute „Pizzeria Brandi“) wurde beauftragt, seine Spezialität zuzubereiten.
Er präsentierte drei Pizzen, doch eine stach heraus: belegt mit roten Tomaten, weißem Mozzarella und grünem Basilikum, den Farben der italienischen Flagge. Die Königin war begeistert, und Esposito benannte seine Kreation zu ihren Ehren „Pizza Margherita“.
Diese simple, doch geniale Kombination wurde zur kulinarischen Allegorie des jungen italienischen Nationalstolzes. Sie war nicht nur eine Pizza, sie war Italien auf einem Teller.
Der Kult des Einfachen
Seitdem ist die Margherita zur Seele der italienischen Küche geworden. Sie verkörpert das, was man weltweit mit cucina italiana verbindet: Wenige, hochwertige Zutaten, Respekt vor der Tradition und pure Leidenschaft für Geschmack.
In Neapel ist die Zubereitung der „vera pizza napoletana“ sogar gesetzlich geschützt. Der Teig darf nur aus Mehl, Wasser, Hefe und Salz bestehen, und er muss in einem echten Holzofen bei rund 485 °C gebacken werden: für höchstens 90 Sekunden. Der Rand, die cornicione, soll luftig und leicht verbrannt sein – ein Markenzeichen echter Handwerkskunst.
Ein Stück kulturelles Erbe
Die Pizza ist heute fester Bestandteil der italienischen Identität. Sie ist das Mahl, das Familien zusammenbringt, das auf Straßenfesten, in Pizzerien und selbst bei religiösen Feiern seinen Platz findet. Seit 2017 zählt die neapolitanische Pizzabackkunst sogar zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Eine Anerkennung, die zeigt, wie tief Pizza und Italien miteinander verwoben sind.
Doch in jeder Pizza Margherita steckt mehr als nur Geschichte: Sie ist ein Symbol für italienische Lebensfreude, Kreativität und den Mut, aus Einfachheit etwas Großes zu schaffen.
Also, das nächste Mal, wenn du in einer Pizzeria in Neapel sitzt, den Holzofen knacken hörst und die Luft nach frischem Basilikum riecht, denk daran, du nimmst nicht einfach ein Stück Pizza in die Hand. Du hältst ein Stück Italien, wie es duftet, schmeckt und lebt.